Demografischer Wandel in Kommunen

Demografischer Wandel in Kommunen

Viele Regionen, besonders in den neuen Bundesländern und in Nordrhein-Westfalen, verzeichnen einen starken Bevölkerungsrückgang aufgrund von Abwanderung und einer negativen Geburtenzahl. Dies führt meist zu einem schrumpfenden Steueraufkommen und damit zu einer sukzessiven Überalterung der Bevölkerung.

Eine zunehmend ältere Bevölkerung geht oft mit erhöhten Anforderungen im Bereich der Gesundheitsversorgung, der Pflege und der sozialen Unterstützung mit sich. Kommunen müssen entsprechende Dienstleistungen bereitstellen, was oft zu finanziellen Belastungen führt, da die Fallzahlen in der Verwaltung sich erhöhen1.

Insbesondere ostdeutsche Kommunen verzeichnen ein geringeres Steueraufkommen gegenüber den alten Bundesländern. Bildquelle: Bertelsmann Stiftung

Damit beginnt oft eine Abwärtsspirale, denn die sinkenden Steuereinnahmen aufgrund der schrumpfenden Bevölkerung führen dazu, dass die ohnehin schon oft angespannte finanzielle Situation der Kommunen schlechter wird. Es können dann oft kaum oder keine Investitionen getätigt werden, was sich oft direkt auf die Infrastruktureinrichtungen auswirkt. Schulen, Krankenhäuser oder öffentliche Verkehrsmittel haben eine geringere finanzielle Ausstattung und verkommen über die Zeit. Geschäfte sind oft nicht mehr ausgelastet, was dazu führen kann, dass sie geschlossen werden müssen, was wiederum die Attraktivität der Region für potenzielle Einwohner:innen verringert.

Herausforderungen für die öffentliche Verwaltung

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, müssen die Kommunen langfristige Strategien entwickeln, die darauf abzielen, die Attraktivität der Regionen zu steigern, die Infrastruktur effizienter zu nutzen, die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben und innovative Lösungen für die Bereitstellung von Dienstleistungen zu finden. Doch da die finanziellen Mittel fehlen, werden wichtige Maßnahmen aufgeschoben oder gar nicht erst umgesetzt.

Viele Kommunen haben ein negatives Finanzierungssaldo. Bildquelle: Bertelsmann Stiftung.

Die begrenzten Mittel könnten zum Teil dadurch ausgeglichen werden, dass man sich überregional vernetzt. Oftmals fehlt es jedoch an einer effektiven Zusammenarbeit und Koordination zwischen verschiedenen Akteuren auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene. Es mangelt an klaren Zuständigkeiten, Kommunikationskanälen oder Anreizen für die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren. Dies kann dazu führen, dass jede Gruppe ihre eigenen Ziele verfolgt, anstatt gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Ein weiterer Grund könnte in politischen oder bürokratischen Barrieren liegen, die die Zusammenarbeit erschweren. Möglicherweise gibt es unterschiedliche politische Interessen auf verschiedenen Ebenen der Verwaltung, die eine effektive Koordination behindern. Bürokratische Hürden wie etwa komplexe Genehmigungsverfahren können zudem die Umsetzung gemeinsamer Projekte erschweren.

In einigen Fällen fehlt es den Kommunen darüber hinaus an Unterstützung auf höherer politischer Ebene, sei es auf Landes- oder Bundesebene. Ohne angemessene finanzielle Unterstützung und Perspektive, politische Rahmenbedingungen und Förderprogramme können Kommunen Schwierigkeiten haben, effektiv auf den demografischen Wandel zu reagieren.

Selbst wenn die finanziellen Mittel da sind, können Veränderungen und Reformen auf Widerstand stoßen, sei es von politischen Entscheidungsträgern, Interessengruppen oder der lokalen Bevölkerung selbst. Dies kann dazu führen, dass notwendige Maßnahmen zur Bewältigung des demografischen Wandels blockiert oder verzögert werden. Einige Kommunen sind möglicherweise nicht in der Lage, sich schnell genug an die sich verändernden Bedingungen anzupassen. Dies kann auf bürokratische Hürden, politische Trägheit oder fehlende Innovationsbereitschaft zurückzuführen sein.

In vielen ländlichen Gebieten und kleineren Städten, insbesondere in den neuen Bundesländern, führt der Bevölkerungsrückgang zu einem Mangel an Fachkräften in verschiedenen Bereichen wie Gesundheitswesen, Bildung und Verwaltung. Das heißt, dass es oft an einer kritischen Masse kluger Köpfe mangelt, auch wenn wenige sich überaus bemühen.

Dieser Fachkräftemangel und die mangelnden finanziellen Mittel führen in einigen Kommunen dazu, dass sie keine langfristige Planung und Voraussicht haben, um sich angemessen auf den demografischen Wandel vorzubereiten. Sie reagieren oft unvorbereitet und adhoc auf die damit verbundenen Herausforderungen und haben Schwierigkeiten, effektive Lösungen zu entwickeln.

Entwicklung des Fachkräftemangels in der öffentlichen Verwaltung bis 2030. Bildquelle. PwC

Nicht verzagen: Weitblick durch Szenarien 

Es gibt jedoch einen Ausweg und Möglichkeiten, den Herausforderungen zu begegnen: Um die kommunale Verwaltung zu stärken gibt es Mechanismen und Handlungsempfehlungen, die einer PwC-Studiefolgend darauf basieren, das Angebot zu steigern und die Nachfrage zu reduzieren.

Angebot steigern

In eben jener PwC-Studie wird berechnet, dass durch die Vergrößerung und besseren Nutzung des Kandidatenpools die prognostizierte Lücke von 1,07 Mio. Arbeitskräften in der Verwaltung (siehe oben) um 460.000 verkleinert werden kann. Zu den vorgeschlagenen Maßnehmen gehören unter anderem eine Flexibilisierung des Renten- und Pensionseintrittsalters, die Erleichterung von Quereinstiegen und die Förderung der qualifizierten Zuwanderung.

Darüber hinaus können durch Investitionen in Bildungseinrichtungen und Ausbildungsprogramme Kommunen sicherstellen, dass ihre Bevölkerung über die erforderlichen Fähigkeiten und Qualifikationen verfügt, um den Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden.

Allerdings basiert diese Analyse maßgeblich auf Schätzungen und vernachlässigt die regionale Komponente. Die Handlungsempfehlungen können für sich alle richtig sein, doch stellt sich weiterhin die Frage, welcher Mix aus den Maßnahmen für welche Kommune der geeignetste und realisierbare ist. Diesen Besonderheiten tragen wir in Szenarien Rechnungen und kalkulieren, wie Kommunen ihren Weg finden.

Nachfrage reduzieren

Ein weiteres Potential von etwa 150.000 Arbeitskräften liegt laut der PwC-Studie in der Erhöhung der Effizienz der öffentlichen Verwaltung. Kommunen können durch verstärkte Zusammenarbeit auf regionaler und überregionaler Ebene Synergien nutzen und Ressourcen effizienter einsetzen, um gemeinsame Herausforderungen zu bewältigen.

Eine Möglichkeit hierfür liegt beispielsweise im „Einer für Alle“ (EfA)-Prinzip des BMI, das im Rahmen der OZG-Umsetzung eine nachhaltige, arbeitsteilige Arbeitsstruktur für die interföderale Zusammenarbeit etabliert hat. Dabei geht es darum, “dass ein Land oder eine Allianz aus mehreren Ländern eine Leistung zentral entwickelt und betreibt – und diese anschließend anderen Ländern und Kommunen zur Verfügung stellt, die den Dienst dann mitnutzen können.” Dies spart beispielsweise Kosten in der Entwicklung und dem Betrieb von Software, die in der Verwaltung genutzt werden kann. Durch die Digitalisierung von Prozessen können zudem Effizienzpotenziale gehoben werden.

Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, Kooperationen mit privatwirtschaftlichen Unternehmen einzugehen. Dieser unter dem Namen GovTech firmierende Ansatz meint, dass meist kleine Unternehmen (Start Ups) Technologien und Innovationen entwickeln, die der öffentlichen Hand, der Zivilgesellschaft oder auch der Politik zur Verfügung stehen sollen und diese unterstützen. Doch diese Kooperationen haben selbst auch Hürden, wie etwa in der Beschaffung und den meist sehr unterschiedlichen Arbeitsweisen.

Was wäre wenn?

Die genannten Möglichkeiten sollten im besten Fall in verschiedenen Szenarien berechnet werden, um robuste Lösungen für die öffentliche Verwaltung zu finden. Wir sehen jedoch noch weitere Potenziale, die Verwaltungen und Kommunen indirekt entlasten könnten.

Durch die Förderung des Ehrenamts könnten teilweise Aufgaben von der Zivilgesellschaft übernommen werden, die die Daseinsvorsorge beispielsweise älterer Menschen unterstützen können. Die Entwicklung von flexiblen und bedarfsgerechten Wohnkonzepten, die sowohl auf die Bedürfnisse älterer Menschen als auch auf die Bedürfnisse junger Familien zugeschnitten sind, kann dazu beitragen, die Attraktivität einer Gemeinde zu steigern und damit zu einer (finanziell) resilienten Kommune beitragen.

Durch den gezielten Ausbau von Pflegeeinrichtungen, Kinderbetreuungseinrichtungen, Freizeiteinrichtungen und anderen sozialen Dienstleistungen können Kommunen sicherstellen, dass sie eine hohe Lebensqualität für alle Bewohner bieten. Die Förderung von nachhaltiger Stadtentwicklung, einschließlich der Revitalisierung innerstädtischer Gebiete, der Schaffung von Grünflächen und der Verbesserung der Verkehrsanbindung, kann dazu beitragen, die Lebensqualität zu verbessern und die Attraktivität einer Gemeinde zu steigern.

Diese Maßnahmen müssen allerdings analysiert, abgewogen und priorisiert werden. Unsere digitalen Zwillinge der Gesellschaft erlauben genau dies, indem wir berechnen, wie sich die Gesellschaft unter verschiedenen Szenarien, mit unterschiedlichen Optionen und bei konkurrierenden Zielen verhalten könnte.

1 Bertelsmann Stiftung (Hrsg., 2023). Kommunaler Finanzreport 2023 – Finanzen als Voraussetzung und Hebel integrierter Nachhaltigkeitssteuerung.

2 Pricewaterhouse Coopers (PwC, 2022). Fachkräfte im öffentlichen Sektor – Warum wir dringend handeln müssen. Zehn Handlungsempfehlungen als Impuls für Entscheider:innen.